Es muss nicht immer das ganz große Ding sein


Wann ist eigentlich die beste Zeit für berufliche Veränderungen? Gestern oder vorgestern?



An einem angenehm warmen, sonnigen Nachmittag im Mai saß ich gemeinsam mit Martina B. an einem der kleinen Vierertische eines Berliner Straßencafes. Wir genossen den Duft von frisch gebrühten Kaffee und beobachteten das muntere Treiben auf dem Platz vor uns. Martina hatte mich zu einem Gespräch über Ihre berufliche Situation eingeladen. Nach einer einleitenden lockeren Plauderei erschien Martina mir ein sehr offener, fröhlicher Mensch zu sein. Sehr zugänglich und optimistisch. Dann begann Sie mir Ihre Geschichte zu erzählen. Martina hatte in den letzten Jahren eine gemeinnützige Organisation im Medienbereich aufgebaut. Der Verein sollte als Netzwerk für Medienschaffende dienen und finanzierte sich über Mitgliedsbeiträge, Spenden und sonstigen Einnahmen.


Durch Ihren engagierten Einsatz hatte der Verein seine Einnahmen stetig erhöht und die Anzahl der Angestellten wuchs stetig. Es kamen ständig neue Initiativen und Veranstaltungen dazu. Martina liebte ihre Arbeit, war abends oft lange unterwegs, hatte viele Begegnungen auf interessanten Events im In- und Ausland und erweiterte somit ihr eigenes Netzwerk - als auch das des Vereins über viele Jahre hinweg. Dieses Engagement erforderte sehr viel Zeit - auch private Zeit. Da aber der Teamspirit Ihrer Mitarbeiter und zudem die Vergütung stimmte, war sie sehr zufrieden mit Ihrem Job.


Im Laufe der Zeit aber begann diese Zufriedenheit abzunehmen. Ihr Vorgesetzter nahm Ihre Erfolge als selbstverständlich und geizte mit Anerkennung und Wertschätzung. Kaum Lob, keine aufmunternden Worte. Aufgrund der sich immer wiederholenden Aufgaben fühlte sie zudem auch keine berufliche Weiterentwicklung. Sie stagnierte und wurde im Laufe der Zeit zunehmend demotivierter und frustrierter. Der Wunsch nach beruflicher Veränderung wurde von Tag zu Tag und von Woche zu Woche stärker. Sie schlief kaum noch bzw. viel zu wenig. „Ich tue etwas und frage mich ständig, ob das noch das Richtige für mich ist“.


Zum Abschluss des Kaffeetrinkens saß mir daher eine weniger fröhliche, sondern eher nachdenkliche Person gegenüber, die mich um Hilfe bat. Wir verabredeten uns zu einem Coaching um Ihre aktuelle Situation zu erörtern und eine Lösung zu finden. Zum Coaching trafen wir uns zu einem Spaziergang in einem naheliegenden Wald. Wichtigstes Ziel des Coachings war es für Martina eine klare Vorstellung davon zu gewinnen, wie es mit ihrer beruflichen Zukunft weitergeht.


Im Coaching offenbarte sich neben den bereits im Vorgespräch erörterten Themen ein weiteres Problem, das wie Martina viele Menschen in ähnlichen Situationen haben: Einerseits war sie mit ihrem aktuellen Job aus vielerlei Gründen unzufrieden und wollte lieber heute als morgen kündigen. Andererseits aber glaubte sie, dass viele Gründe gegen eine Veränderung sprechen. Zum Beispiel, ihren Kollegen und der Firma gegenüber loyal sein zu müssen: „Ich kann sie doch nicht im Stich lassen? Was sollen sie ohne mich tun? Irgendwie hänge ich doch auch an meiner Arbeit. Ich habe so vieles aufgebaut, soll ich das jetzt alles zurücklassen?“ Auch kam bei Martina die Angst auf, dass sie auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr bekommt. Zusätzlich fürchtete sie sich davor, sich bei einem Wechsel finanziell schlechter zu stellen.


„Hast Du nicht noch einmal Lust noch einmal etwas ganz anderes anzufangen? Was kann eigentlich schief gehen? Was spricht eigentlich dagegen?“

Auf unserem Coachingspaziergang beleuchteten wir diese Themen und legten ihre vielen inneren Konflikte offen.

Bei einem inneren Konflikt stehen sich mehrere Persönlichkeitsanteile teils frontal gegenüber. Diese sog. „inneren Stimmen“ melden sich mal mehr, mal weniger. Sie sind wichtig und notwendig. Und man sollte sie ernst nehmen. Und sie sollten eine Entscheidung auch nicht blockieren, was sie allerdings sehr oft tun.


Martinas´ Dilemma in ihrer aktuellen Gefühlslage drückte sie mehr als treffend in einem einzigen Satz aus: „Ich möchte etwas ändern, aber ich tue es einfach nicht“. Am Ende unseres Spazierganges, bei dem wir all Ihre inneren Stimmen detailliert zu Wort kommen ließen, war Martina sehr erschöpft. Aber es war ihr durch das Coaching vieles sehr viel klarer geworden. Es war unumgänglich, dass sie etwas verändern musste. Martina entschied sich am Ende des Coachings, den Wechsel konkret anzugehen. Sie wollte sich auf dem Stellenmarkt umsehen um ihre Optionen besser einschätzen zu können. Und sich dann zu bewerben. Sie wusste nun, was zu tun ist. In den nächsten Wochen und Monaten bewarb sie sich bei verschiedenen Firmen und stellte fest, dass Sie durchaus auf dem Arbeitsmarkt gefragt war. Zwar bekam sie auch Absagen und nicht alle Angebote entsprachen ihren Vorstellungen und Kernkompetenzen, die eindeutig im Bereich Kommunikation, Netzwerken und Teamführung lagen. Aber auf einem unserer nächsten Spaziergänge berichtete sie von einem auch finanziell recht guten Angebot einer eher kleineren Firma. Mit den Inhabern gab es schon sehr motivierende Gespräche.


Die Firma wollte expandieren. Ihre Aufgabe als Geschäftsführerin passte sehr gut zu ihren Talenten und ihren Netzwerken in der Medien- bzw. Filmbranche. Auch wenn das Geschäft dieser Firma bisher nicht zu ihren Kernkompetenzen gehörte, reizte sie die Herausforderung ebenso wie das neue Umfeld, das Vertrauen und die Wertschätzung, die ihr in den ersten Gesprächen mit den Inhabern entgegengebracht wurde. Auf unserem nächsten Coaching Spaziergang begegnete mir dann eine glückliche, fröhliche und irgendwie erleichterte Martina. Sie berichtete mir von Ihrer Entscheidung, den neuen Job anzunehmen und ihr altes Anstellungsverhältnis fristgerecht zu kündigen. Ihre alten Kolleginnen und sogar ihr Chef respektierten ihre Entscheidung und sie bereiteten gemeinsam den geregelten Übergang für ihre Nachfolgerin vor.


„Martinas´ Argumente, den Job nicht zu wechseln waren Ausreden, die als Entschuldigung dienten. Sie waren letztlich eine Schutzbehauptung. Schutz vor Angst, Schutz vor dem Austragen von inneren Konflikten. Martinas ´ vorhandene Ängste hatten ihren Blick getrübt. Sie hatte keine Klarheit. Aber nur wer Klarheit hat, weiß was er will. Und zu wissen was man will, zwingt zum Handeln und zu Entscheidungen. Denn wer wirklich etwas in seinem Leben verändern will, muss Entscheidungen treffen.“

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