Die Lösung ist oft so nah


„Welche guten Gründe gibt es eigentlich in einem Job zu bleiben von dem du selber denkst: Ich halte es nicht länger aus, ich muss hier weg?



Michael S. saß mir an einem sommerlichen Abend in einem Biergarten zum Erstgespräch gegenüber. Auf dem nahegelegenen See war noch reges Treiben zu beobachten. Im ersten üblichen Small Talk unterhielten wir uns über den insgesamt tollen Sommer. Michael S., 39 Jahre alt und zweifacher Familienvater kam mir überaus reflektiert vor. Ein sehr offener, eloquenter und auf den ersten Blick überaus sympathischer Mensch mit einem intakten Familienleben und anscheinend vielen Freundschaften. Aber wie so oft im Leben zogen düstere Wolken auf, von denen er mir im Anschluss berichtete und die der Grund dafür waren, sich mit mir zu treffen.


Michael S. hatte nach seinem Studium in mehreren Start-ups gearbeitet und war dort überwiegend im Bereich Sales und Marketing tätig. Ihm machte es sehr viel Spaß die neuen, innovativen Produkte an die Kunden zu bringen und war in seinem Job aufgrund seiner optimistischen und begeisternden Art sehr erfolgreich. Seine Kunden liebten ihn. Nach den ersten aufregenden und ebenso aufreibenden Jahren mit langen Arbeitszeiten begann er mit Ende 20 eine sehr gut dotierte Stelle im Bereich Business Development in einem international tätigen Konzern anzutreten. Er leitete ein kleines Team und sein neuer Job bereitete ihm sehr viel Freude. Sein Arbeitgeber war sehr erfolgreich, expandierte kräftig und hatte zudem ein sehr gutes Betriebsklima, in dem er sich sehr wohl fühlte. Dazu kamen eine Familiengründung mit seiner langjährigen Partnerin sowie der Bau eines neuen schönen Hauses vor den Toren der Stadt. Alles war gut.


Seit einiger Zeit aber stellten sich im Job immer mehr Probleme ein. Es begann damit, dass er bei der Neubesetzung der Bereichsleiterposition in seinem Bereich nicht zum Zuge kam, obwohl er viele Erfolge vorweisen konnte. Mit dem aggressiven und wenig kooperativen Führungsstil seines neuen Vorgesetzten kam er von Beginn an nicht klar. Die Zusammenarbeit war von Misstrauen geprägt, er wurde in der Kommunikation oft übergangen und dazu mit Arbeit überschüttet. Obwohl er abends lange im Büro saß, erhielt er weder in Meetings noch in Personalgesprächen Anerkennung und Wertschätzung für seine Leistungen. Der wachsende Frust über seine Situation führte zu ersten gesundheitlichen Beeinträchtigungen, er konnte nachts nicht mehr schlafen und fühlte sich zunehmend müde, erschöpft und unkonzentriert. Er quälte sich morgens aus dem Bett, seine Arbeit machte ihm keinen Spaß mehr.


Aufgrund seiner Familiensituation und der finanziellen Verpflichtungen, die er mit dem Hausbau und als Alleinversorger der Familie auf sich genommen hatte, hatte er Angst um seine finanzielle Sicherheit. Er hatte sich entschlossen diese Situation in der Firma durchzustehen und auf Besserung zu warten. Da eine Besserung trotz einiger Gespräche mit seinem Chef allerdings nicht eintrat, er sich allerdings auch nicht in der Lage fühlte, Entscheidungen zu Veränderungen alleine und ohne Hilfe vornehmen zu können, hoffte er auf eine Lösung durch ein Coaching.


„Mein Job macht mich krank. Ich muss eigentlich etwas ändern, aber ich kann es nicht alleine.“

Nach der Schilderung seiner Situation schlug ich Michael S. etwas Ungewöhnliches vor. Ich schlug ihm vor, uns zum Coaching zu einer kleinen Wanderung vor den Toren der Stadt durch eine schöne, abwechselnde Landschaft mit Wald, Wiesen, schönen Flusstälern und Seen zu verabreden. Diese Art von Coaching bietet viele Vorteile gegenüber dem Coaching im Sitzen oder in einer Video Konferenz. Wandern bzw. Spazieren gehen schafft Abstand zum Alltag. Durch die Bewegung in der Natur wird Stress abgebaut und die Gehirntätigkeit verbessert und es werden viele neue Perspektiven eröffnet. Und die Natur bietet eine Vielzahl von Metaphern – vom steinigen Weg der mal bergauf und mal bergab geht, von Talsohlen und Rückschritten bis hin zu Anhöhen und zu Gipfeln.


Nach den ersten hundert Metern unserer Wanderung begann ich unser Gespräch mit zwei sehr provokanten Fragen:


„Welche guten Gründe gibt es eigentlich für Dich in einem Job zu bleiben von dem du denkst, dass Du es nicht länger aushalten wirst?“
„Was würde ein völlig Unbeteiligter denken, wenn er Deine Geschichte hört?“

Erstaunt, erschrocken und etwas hilflos sah Michael S. mich an. Natürlich gab es keinen einzigen guten Grund, in einem Job zu bleiben, der ihn in die Nähe eines Burn-outs gebracht hatte. Natürlich wusste er, dass es so nicht weitergehen konnte. Und natürlich wusste er auch, dass ein völlig Unbeteiligter nur mit dem Kopf über seine Situation schütteln würde. Aber die Frage brachte einen neuen Denkprozess bei ihm in Gang. Wir begannen eine intensive Diskussion über seine beruflichen Alternativen und die dringend notwendigen Veränderungen. Sowohl innerhalb seiner aktuellen Firma als auch außerhalb. Vieles wurde ihm dadurch klarer. Während unserer Wanderung hatte Michael S. sich immer wieder Zeit zur Besinnung genommen. Hatte seine Gedanken in der Natur schweifen lassen, hatte sich auf Baumstämme am Ufer gesetzt und einfach nur ins Wasser gestarrt. In unseren Gesprächen hatten sich ihm erste Ideen ergeben, wie er den Prozess der notwendigen Veränderung beginnen wollte. Was der erste Schritt sein wird. Am Ende unserer Wanderung machte er auf mich einen zwar sehr erschöpften, aber auch entschlossenen Eindruck. Entschlossen, sich auf seine Stärken zu besinnen. Daran zu denken wie es eigentlich wäre, wenn er glücklich in seinem Job wäre.


In den nächsten Wochen schilderte Michael S. mehreren Bereichsleitern in seinem Unternehmen, die er aufgrund seiner langen Tätigkeit gut kannte, seine aktuelle Situation und seine Frustration. Auf unserer Wanderung war ihm bewusst geworden, welche Erfüllung er in seinen früheren Jobs im Bereich Sales und Marketing gefunden hatte. Und wie sehr es ihn glücklich gemacht hatte, seine Kunden mit innovativen Produkten zufrieden zu stellen. Warum also sollte er nicht versuchen, bei seinem jetzigen Arbeitgeber, den er abgesehen von seinem Vorgesetzten immer noch sehr schätzte, in einem anderen Bereich zu arbeiten? Seine Stärken zum Wohl aller Beteiligten einzusetzen und sich dabei selbst zu verwirklichen?


Einige Monate später meldete sich Michael S. bei mir und berichtete vom Ergebnis seiner Gespräche und von der Zeit danach. Es hatte sich tatsächlich eine Möglichkeit ergeben, innerhalb der Firma zu wechseln. Er bekam eine ebenso gut dotierte Position im Bereich Sales und Marketing angeboten und wechselte zügig in diese Abteilung, in der er sich wohl fühlte und in der er schnell Anerkennung fand. Er hatte wieder Spaß an der Arbeit. Als Folge dessen verbesserte sich auch seine gesundheitliche Situation, er konnte wieder ruhig schlafen.


„Die Lösung für Veränderungen ist oft so nah – man muss sie nur finden und sie angehen.“

Michael S. hatte den ersten Schritt zur Veränderung dadurch gemacht, dass er sich in ein Coaching begeben hatte. Denn Coaching erhöht die Wahrscheinlichkeit, etwas zu verändern. Coaching unterstützt dabei Klarheit für wichtige Entscheidungen und Lösungen für die Zukunft zu finden. Und den Mut aufzubringen, sich vom Problem „zu lösen“ und Ängste zu überwinden.

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