Eigentlich möchte ich etwas ganz anderes machen


Wenn man feststellt, dass man das Leben der anderen lebt, dann ist es höchste Zeit um die Reise vom „Eigentlichland“ ins „Tunland“ zu beginnen. Ansonsten zerbricht man an der Last des Rucksackes, den man mit sich trägt.



Patrick G., 30 J., hatte mir im Vorgespräch erläutert, dass er in seinem aktuellen Job unzufrieden sei. Mit Hilfe meines Coachings wollte er Wege und Strategien finden, um seine aktuellen Probleme aktiv anzugehen und zu lösen.


Patrick stammte aus einer gut bürgerlichen Familie. Der Vater hatte Karriere als Vorstand einer kleinen Bank gemacht. Er wuchs als Einzelkind außerhalb der Stadt in einem Einfamilienhaus mit großem Garten auf. Viele Urlaubsreisen in entfernte Länder und eine Mitgliedschaft im Golfclub rundeten das Familienleben ab. Abitur und Studium inklusive Auslandssemester und anschließenden Masterstudiengang in Business Administration waren für Patrick gesetzt. Danach begann Patrick auf Vermittlung des Vaters einen Job als Business Analyst im Bereich Real Estate einer großen Versicherungsgesellschaft. Er verdiente sehr gut. Zugleich verlobte er sich.


In seinem zweiten Job heuerte er in einem größeren Familienunternehmen an. Das Unternehmen stellte weltweit lebenswichtige medizinische Produkte her. Als kurz danach ein ausländischer Investor in das Unternehmen einstieg, begannen die Probleme. Es herrschte eine kalte Atmosphäre und daher eine steigende Fluktuation, insbesondere in der Führungsebene. Patrick hatte keinen direkten Vorgesetzten mehr, bekam ständig neue Aufgaben als „Feuerwehrmann“ in Fachbereichen, in denen er sich nicht auskannte. Er fühlte sich überfordert, leistete sehr viele Überstunden, hatte viel Stress und fühlte sich nicht wertgeschätzt und – trotz seines sehr guten Gehaltes - ungerecht vergütet.


Ein sehr wirksames Coaching Tool, um einen umfassenden Überblick über die Ist- und Sollsituation des beruflichen Umfeldes des Klienten zu erhalten ist die sog. Berufskonferenz nach Dr. Petra Bock. Dabei wird für die 10 wichtigsten Bereiche des derzeitigen Berufes wie z.B. Sinn, Werte, Einfluss, Work-Life-Balance und Vergütung die aktuelle Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit und zusätzlich die Wichtigkeit der jeweiligen Bereiche ermittelt. Patrick hatte die Berufskonferenz mustergültig ausgefüllt. Es gab viele Bereiche, in denen er sehr unzufrieden war. Sein Wunsch war es aber, in diesem Unternehmen weiter zu arbeiten und sich durchzusetzen. Auch weil ein erneuter Berufswechsel von seinem nächsten Umfeld wie Eltern und seiner Verlobten nicht akzeptiert worden wäre. Für die wichtigsten Bereiche, in denen seine Unzufriedenheit am höchsten war, entwickelten wir sehr konkrete Lösungskonzepte, die er in den nächsten 8 Wochen umsetzen sollte.


Obwohl wir das Coaching eigentlich beendet hatten, hatte ich das Gefühl, dass Patrick mir noch etwas sagen wollte. Etwas, was nicht unser bisheriges Kernthema war. Etwas, was infrage stellte, was eigentlich unverhandelbar war. Etwas, bei dem es nicht um die praktische Lösung seines Problems im jetzigen Job ging. Coaching bietet die Möglichkeit, Sehnsüchte freizulegen, bietet Raum zur Entfaltung und die Erlaubnis Grenzen neu zu denken. Und so war es auch.


Kurz bevor er sich verabschiedete, kamen wir endlich auf das eigentlich wichtige Thema. Patrick erläuterte mir, dass er nur auf Wunsch seiner Eltern studierte und bei der Versicherungsgesellschaft angefangen hätte. Viel lieber hätte er einen Beruf im sozialen Bereich gewählt, weil kaum ein Berufsfeld ist so abwechslungsreich und vielseitig wie der soziale Sektor und er die Chance sieht, sich um seine Mitmenschen zu kümmern und auf diese Weise etwas Sinnvolles zur Gesellschaft beizutragen.


„Unser Coaching wollte einfach nicht enden. Ich hörte meinem Klienten beharrlich und achtsam zu. Ich hatte dabei das starke Gefühl, dass noch irgendetwas fehlte. Ich hörte in seinen Worten etwas, was er nicht sagen konnte. Coaching gibt die Erlaubnis auszusprechen, was man sonst nicht aussprechen kann. Und in der Tat – es gab noch eine viel tiefere Ebene als unser eigentliches Coaching Thema. “


Eltern haben sehr oft genaue Vorstellungen, Hoffnungen und gewisse Erwartungen über den zukünftigen Werdegang des Kindes. Sie investieren viel Zeit und finanzielle Mittel in ihr Kind und wollen nur sein Bestes. Oft erfüllen wir als Kind die Wünsche der Eltern. Wir wollen sie nicht enttäuschen und kein Spielverderber sein. Und oft fühlen wir in unserem Innersten, dass wir das eigentlich gar nicht wollen. Aber flüchten uns in Bedenken und Ausreden. Und eigentlich ist es ja auch nicht schlecht, von der Erfahrung der Eltern zu profitieren und einen sicheren, gut bezahlten Job zu bekommen. So erging es auch Patrick.


Coaching ist zwar zielorientiert, aber ergebnisoffen. Es geht nicht darum, nach einem gewissen Zeitraum eine fertige Lösung zu haben. Coaching kann sowohl durch die Situation des geschlossenen Raumes als auch durch Impulse Gedankentüren öffnen, von denen weder der Klient noch der Coach vorher erahnt, dass sie sich öffnen. Nachdem wir zum Ende des Coachings auf sein eigentlich drängendes Thema gekommen waren, verabredeten wir uns zu einem weiteren Coaching mit dem Ziel herauszufinden, welcher Beruf Patrick wirklich glücklich machen würde. Was seine eigentliche Berufung wäre. Wir traten gemeinsam die Reise vom Eigentlichland ins Tunland an.


Zwei Voraussetzungen sind wichtig, um im Berufsleben glücklich zu sein: Erstens: Wissen, was man will. Zweitens: Danach Handeln. Beide Voraussetzungen müssen erfüllt werden. Wer weiß was er will, aber nicht danach handelt wird ebenso wenig glücklich werden wie derjenige, der zwar sehr viel macht und tut, aber nicht weiß, was er eigentlich will.


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