Für Selbstreflexion ist es nie zu früh


„Ist Selbstreflexion nur etwas für Menschen mit Problemen? Oder nur eine Corona Modeerscheinung? Wann sollten wir beginnen, in uns hineinzuhorchen?“



„Ich habe mein ganzes Leben lang geackert. Ende des Jahres gehe ich in Rente und dann möchte ich endlich auch mal das tun, was mir wirklich Spaß macht. Aber ich weiß gar nicht so richtig, worauf ich Lust habe. Wie kann es nur sein, dass ich nach so vielen Jahren nicht einmal weiß, was ich noch vom Leben möchte?“ Mit diesen Worten begann mein Klient unser Coaching. Er hatte als Sachbearbeiter ein wenig herausforderndes, eher langweiliges Berufsleben hinter sich. Allerdings mit einem sicheren Einkommen. Er hangelte sich von Wochenende zu Wochenende, von Urlaub zu Urlaub und sehnte sich nur nach dem Augenblick, endlich in Rente gehen zu können um ein “besseres Leben” zu beginnen.


Mein Klient hatte anscheinend nie intensiv über seine Lebensziele, seine wirklichen Wünsche, seine Potenziale oder über andere berufliche Optionen nachgedacht, die sein Leben bereits während seiner beruflichen Tätigkeit zufriedener und glücklicher gemacht hätten. Er hatte sich nie wirklich selbstreflektiert.


Ich fragte mich, ob Selbstreflexion nur durch einschneidende Ereignisse in unserem Leben ausgelöst werden, durch die wir Verluste oder Erfolge erleben. Also wie hier im Fall meines Klienten durch die Notwendigkeit, sein Leben nach der Rente neu zu gestalten? Oder durch andere einschneidende Ereignisse wie z.B. private Trennungen, permanente Unzufriedenheit, Stress und Burn-Out im Job oder durch eine Kündigung. Oder ob wir bereits auch ohne solche Ereignisse früh(er) damit beginnen sollten, in unserem täglichen Leben über uns zu reflektieren? Oder ob Selbstreflexion in Zeiten von Corona nur eine Modeerscheinung ist, die uns dazu verleitet, unser Leben viel zu ernst zu nehmen und alles zu zerdenken und zu zerreden?


Das Wort „Selbstreflexion“ setzt sich aus zwei Begriffen zusammen: „Selbst“ und „Reflexion“. Zum „Selbst“ zählen alle Informationen, die ein Mensch in Zusammenhang mit seiner eigenen Person bereits besitzt, verarbeitet, sammelt und verwendet. Bereits im Kindesalter beginnen wir, Informationen für dieses Wissen zu sammeln. Merkmale, die wir bewusst einbeziehen und die sprachlich ausgedrückt werden, formen schließlich das „Ich“ oder auch das „bewusste Selbst“, während uns nicht alle Aspekte unseres „Selbst“ bewusst sind. „Reflexion“ bedeutet hingegen Nachdenken. Selbstreflexion bedeutet also, bewusst auf das eigene Handeln zu blicken und es zu überdenken. Verschiedene Autoren betonen, dass Selbstreflexion nur durch bestimmte Ereignisse ausgelöst werden können. Andere Autoren sind dagegen der Meinung, dass wir bereits vor, während und selbstverständlich auch nach jeder Situation in Gedanken reflektieren können.


Selbtsreflexion ist die Tätigkeit, über sein bewusstes und unbewusstes „Selbst“ nachzudenken und sein Denken, Fühlen und Handeln zu analysieren und kritisch zu hinterfragen.

Warum ist Selbstreflexion für viele Menschen heute zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens geworden? Durch Selbstreflexion verstehen wir unser eigenes Verhalten besser und können Veränderungen einleiten. Wir können erkennen, was für unser Leben wesentlich ist und es auf unsere Agenda setzen. Wir können unsere Potenziale nutzen und uns weiterentwickeln. Wir können Selbstzweifel überwinden, eigenverantwortlich und selbstbestimmt handeln und so insgesamt zufriedener und glücklicher mit unserem Leben werden. Mein Klient hätte die Chance gehabt herauszufinden, was er vom Leben erwartet bzw. was er dem Leben geben möchte, wenn er früher damit begonnen hätte. Er hätte sein Leben wahrscheinlich zufriedener, glücklicher und erfüllter gestalten können. Er hätte seinen Beruf nicht bis zum letzten Tag ertragen müssen und hätte viel früher damit beginnen können / sollen – sein Leben zu leben. Er „Selbst“ zu sein. Er hatte nicht gemerkt, dass er sein Schicksal in die eigene Hand hätte nehmen können.


Nachdem diese Erkenntnis bei ihm gesackt war, machten wir uns an die Arbeit um zumindest für die Zeit nach seiner beruflichen Tätigkeit herauszufinden, was ihm Spaß macht, wofür er brennt und wie er sein Leben in Zukunft lebenswert gestalten möchte. Wir begannen im Coaching intensiv u.a. herauszuarbeiten, was seine größten Stärken und seine Lieblingstätigkeiten sind, was ihn interessiert, was ihn besonders glücklich und zufrieden macht, was seine hervorstechendsten Persönlichkeitsmerkmale sind und worin er besonders viel Sinn findet.


Er war am meisten darüber beeindruckt, was die Selbstreflexion in ihm auslöste und welche Vorteile damit verbunden sind. Am Ende des Coachings war er sehr erschöpft - aber glücklich.

„Ich hatte mir bisher nie Gedanken über meine Arbeit und mein Leben gemacht. Es war ja auch ok und hat irgendwie funktioniert. Mein Job war oft sehr unbefriedigend und frustrierend. Aber ich habe immerhin am Monatsende mein Geld auf dem Konto gehabt. Nun aber habe ich entdeckt, welche Energie und Lust noch in mir steckt. Ich habe endlich darüber Klarheit bekommen wie ich herausfinde, was ich wirklich möchte. Ich werde mir in den nächsten Tagen und Wochen Zeit nehmen und Rituale in meinen Alltag einbauen, um meine Wünsche und Träume weiter zu schärfen und dann eine Idee zu entwickeln, meine Ziele auch in die Tat umzusetzen. Darauf freue ich mich bereits jetzt wahnsinnig.“


Von Warren Buffett stammt der Satz: „Man sollte vor allem in sich selber investieren. Das ist die einzige Investition die sich tausendfach auszahlt.“ Nur wenn wir uns selber verstehen und Zusammenhänge erkennen, sind wir in Lage, uns zu verbessern, weiterzuentwickeln, unsere Potenziale zu nutzen. Und natürlich auch andere Menschen besser zu verstehen. Selbstreflexion erweitert unseren geistigen Horizont und unser Bewusstsein, macht uns glücklicher, zufriedener und besser. Aber wir sollten nicht erst damit starten, wenn wir in Rente gehen.

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